»Probleme gemeinsam und organisiert selber lösen«

Interview Alberto Borreteran, Direktor Sala Técnica, Caracas (März 2006)

In der Stadt scheint es zur Zeit eine Situation der Doppelmacht zu geben. Im letzten Jahr war das noch nicht der Fall. Wie entstand die Idee die Consejos Comunales (CC) zu entwickeln? Zunächst waren es doch die Consejos Locales de Planificación Pública (CLPP)?

Ja, natürlich, weil die Idee der Consejos Locales de Planificación Pública (CLPP) schon in der Verfassung vorhanden war und die der Consejos Comunales nicht. Wir haben hier die drei Elemente unserer Ökonomie: soziale, kapitalistische und staatliche Produktion. Dieses gemischte ökonomische Modell ist natürlich widersprüchlich. Es ist zusammengesetzt aus sozialer und kapitalistischer Produktion.

Du weißt, es gibt einen allgemeinen Diskurs, der von unserem Präsidenten und seinen Beratern kommt. Aber es gibt keine einheitlichen Kriterien bei der Ausführung durch die Institutionen der öffentlichen Politik - Ministerien, Regierungen, Stadtverwaltungen. Es gibt sie nicht. Das geht soweit, dass es in der gleichen Partei Leute gibt, die völlig gegensätzliche Dinge tun, unter anderem ihren persönlichen Geschäften nachgehen, Leute, die ihre Freunde untergebracht haben, alte Freunde, die irgendwelche Dinge finanzieren, die gleichen korrupten Typen wie vorher.

Wieviele Mitglieder hat die MVR zur Zeit?

Lass mich überlegen! Zwei Millionen? Mehr als zwei Millionen sind es jetzt. Und natürlich existiert auch eine sehr instrumentelle, opportunistische Form des Aktivismus, ein typisches Problem von Massenparteien. Und da möchte man niemanden beunruhigen, niemandem zu nahe treten. Es ist eine Wahlvereinigung und keine Kaderpartei, nicht einmal ein Prozess um die Kader auszubilden.

Es existieren ganz unterschiedliche Vorstellungen und das, wo wirklich etwas passiert, sind bestimmte Gruppen wie die Bewegung Maisanta, die der Präsident gebildet hat und was auch die Institution ist, die er für den Wahlprozess weiter unterstützt. Und er benutzt sie auch für die innere Kontrolle, denn seine Macht ist bis heute eine ausgehandelte Macht und am Ende wird er sie auch wieder verwerfen, damit aus ihr kein Konkurrenzkampf um die Kontrolle der Macht und des Staates entsteht.

Das sind Sachen, die passieren, aber das raubt mir nicht den Schlaf, das macht mir keine Sorgen und wir beteiligen uns auch nicht daran. Denn das Wichtige ist, dass sich der soziale Prozess in einen politischen Prozess verwandelt. Die organisierten Comunities, selbstbestimmt, sind dabei, Netze der politischen Aktion zu aufzubauen, in Funktion ihrer Interessen. Und das ist es, was wir zur Zeit unterstützen und da eröffnen sich jetzt viele Möglichkeiten und öffentliche Mittel und die Unterstützung des Präsidenten, denn der hat entschieden, dass wir jetzt das erreichen können, woran wir schon seit 20 Jahren arbeiten.

Was war denn das ursprüngliche Konzept der Consejos Comunales?

Hast du die Verfassung? Schau mal, hier sprechen sie von den Consejos Locales de Planificación Pública (CLPP): Diese Stelle ist mit der strategischen, integrierten Planung beauftragt. Aus nationaler Ebene der Consejo Federal; auf regionaler Ebene die Consejos de Coordinación y Planificación Pública Municipal und auf lokaler Ebene die Consejos Locales de Planificación Pública.

Die Verfassung, das höchste Gesetz, so sagt man, das war im Dezember 1999. Im Juni 2002 kamen die Gesetze, um das umzusetzen. Zweieinhalb Jahre später! So war es, denn 2002 hatten wir schließlich Krieg und 2003 Krise, und die dauerte. Die institutionellen Prozesse waren langsamer.

Nichtsdestotrotz erschien dann endlich im Juni 2002 das Gesetz der Consejos de Coordinación y Planificación de Políticas Públicas und das Planungsgesetz (Ley Orgánica). Hier wurden die Räte zum ersten Mal benannt. Aber auf der anderen Seite hatten wir ein Gesetz aus dem Jahre 1989 über die kommunale Verwaltung (Ley Orgánica de Regimen Municipal) in diesem alten Geist, ausgearbeitet für ein bürokratisches, repräsentatives, personalisiertes Gemeinwesen.

Dazwischen bestand ein Konflikt. Dieses Gesetz, was dem anderen Gesetz nicht wiedersprechen durfte, gab den Consejos Locales de Planificación Pública (CLPP) keine Macht, sondern es funktionierte so (blättert im Gesetz und zitiert): ... zusammenstellen ... vorantreiben ... Vorschläge präsentieren ... einrichten ... ermöglichen ... beaufsichtigen ... formulieren ... voranbringen ... voranbringen ... vorschlagen ... voranbringen ... koordinieren ... evaluieren.

Kein Wort von »entscheiden» oder »genehmigen» - also blieb die Macht im Bürgermeisteramt oder beim Stadtrat, sieben oder auch 13 Typen und einer. Der Stadtrat schlägt vor und der Bürgermeister entscheidet, wie er will. Der Prozess blieb also unter ihrer Entscheidungshoheit.

Was also passierte? Hier heißt es am 12. Juni 2002: innerhalb von 120 Tagen sollen die Planungsbeiräte eingerichtet sein. Das sind 4 Monate. Bis Dezember hatte noch niemand irgendetwas unternommen und niemand wurde dafür bestraft. Das Bürgermeisteramt von Libertador hat erst im Juni 2003, also ein Jahr später, einen Planungsbeirat eingerichtet. Dann kamen Sucre und Hatillo, später, erst 2004, wurde einer in Baruta eingerichtet und in Chacao haben sie mit der Einrichtung erst letztes Jahr (2005) begonnen. Die Kontrollinstanzen der Gemeinden haben dafür niemanden zur Verantwortung gezogen, man ist miteinander befreundet und es gab überhaupt keine Absicht so etwas wie einen Planungsbeirat umzusetzen. Denn was passiert da? Diese ganzen Opportunisten, die immer zuerst schreien »Hier!» und »Ich!», die können in diesem Bereich natürlich niemanden vertreten und die Führungspersonen aus den Stadtteilen können da nicht reingehen, weil sie sich hier nicht ausdrücken können und niemanden kennen. Und die Typen, die sich da reingesetzt haben, verfügen über verdammt viel Zeit. Die machen hier und dort mal eine Versammlung und da mal ein Treffen und nichts passierte.

Wann haben denn die Consejos Comunales begonnen zu arbeiten?

Im November 2004 hat die MVR die [Landtags-] Wahlen gewonnen. Danach habe ich Barreto vorgeschlagen, mich mit dieser Sache zu beauftragen, dann habe ich den Auftrag und die technische Unterstützung bekommen, um den städtischen Planungsbeirat (Consejo Metropolitano de Planificación Pública) zu aktivieren, der damals ja schon 70 Mitarbeiter hatte, von denen 45 Regierungsmitarbeiter waren und nur 25 Sprecher der sozialen Organisationen. Und das widersprach doch schon dem Gesetz. Das Gesetz sagt, dass die Vertreter der sozialen Organisationen mit mindestens einer Stimme mehr vertreten sein müssen als alle Regierungsvertreter und hier waren es 20 weniger! Und natürlich die gleiche Scheiße - präsentieren, feiern, voranbringen usw.

Also haben wir zuerst eine neue Dienstanweisung erlassen, die besagt, dass der Planungsbeirat aus 60 Sprechern der Sozialen Bewegungen besteht und 59 staatlichen Funktionären. Und außerdem haben wir entschieden, dass dieser Rat nur das unterstützt, was von den Gemeinden als notwendig erachtet wird. Das und alles andere ist darauf ausgerichtet die Prozesse in den Gemeinden zu unterstützen und die Bildung der Consejos Comunales und Consejos Parroquiales voranzubringen, sie in der Entwicklung ihrer Aktivitäten zu unterstützen.

Also, was ist passiert. Wir haben einen einen ganz neuen Consejo [Metropolitano]. Mit 25 Sprechern der sozialen Organisationen hätten wir niemals eine Mehrheit bekommen. Aber wir haben bei der ersten Einberufung ein Verfahren etabliert, mit einer Mehrheit von einer Stimme für die Sprecher der sozialen Organisationen, das auf dem zweiten Treffen erst umsetzte, was die einberufene Versammlung [Consejo Metropolitano] macht. Die eine Stimme mehr bedeutete, dass wir gewonnen haben. Das ist die Geschäftsordnung.

Unsere Idee ist, dass wir Ende April die neuen Consejos mit neuen Sprechern und einer neuen Struktur aufgebaut haben. Und wir zielen darauf ab, dass 60 Führungspersönlichkeiten aus den Stadtteilen ausgewählt werden, die in diese Angelegenheit eingebunden sind und mit ihnen haben wir eine Mehrheit. Wir werden dadurch politischen Druck aufbauen. Weil die Bürgermeister hier machen, was sie wollen.

Wie entstehen die lokalen Kontakte in die Gemeinden? Wir haben beispielsweise einen Consejo Comunal in Nuevo Horizonte besucht, als sie ein großes Verkehrsprojekt geplant haben. Das war sehr beeindruckend. Wie ist eure Beziehung zu diesen Leuten?

Wir haben 32 Arbeitsgruppen von kommunalen Planern in den Gemeinden, jedes Team in einer Parroquia (Stadtteil). Ihre Arbeit besteht darin, Informationen zu erheben: Was sind die Gemeinden in dieser Parroquia? Welche Sektoren gibt es? Welche und wie viele soziale Organisationen existieren dort?

Mit ihnen werden Beziehungen aufgebaut, um die Bildung der CC zu unterstützen oder ihnen zu helfen sich zu konsolidieren. Wir haben zum Beispiel ein Video erstellt, das man dort zeigen kann. (...) Das zeigt, was ein CC ist, wo und wie er sich bildet, mit wem und wofür. Mit diesen Arbeitsgruppen sind wir jetzt dabei, ein Netz aufzubauen, das den CC mit diesem Video, mit Werkstätten und Materialien hilft, damit sie verstehen, dass das ihre Angelegenheit ist, ihre selbstständige Entscheidung, damit sie die autonome Macht ausüben können.

Ein Problem, das die CC haben, ist, dass sie keine juristische Person sind. Niemand gibt ihnen das. Wir dachten zunächst, dass sie die Form von Kooperativen oder bürgerlichen Vereinen bekommen. Das war auch etwas, was der Präsident am Gesetz für die Consejos Comunales beanstandet hat. Wir hoffen, dass das jetzt [mit dem neuen Entwurf] geregelt wird, dass die CC auch juristische Person sein können wie eine staatliche Instanz, in der die organisierten Gemeinden diejenigen sind, die die Entscheidungen treffen, selbstständig und autonom, und nicht die staatlichen Funktionäre.

Gibt es in dieser Struktur auch finanzielle Mittel für die Leute, die die organisatorische Arbeit in den Barrios selber erledigen?

Na klar. Wir sind dorthin gegangen, um Leute zu suchen, die organisatorischen Arbeit machen, um ihnen zu helfen. Wenn wir sie treffen, dann fragen wir sie, was sie brauchen, wir laden sie zu Werkstätten ein und geben ihnen eine Ausbildung. Wenn sie zum Beispiel Medikamente oder eine Apotheke benötigen oder einen kleinen Markt/Verkaufsladen oder ein kleines Haus oder ein Mindesteinkommen, dann können sie die bekommen.

Zur Zeit sind wir in einer Phase der Restrukturierung dieser Beziehung und unsere Absicht ist, für den nächsten Monat [April 2006] 200 Planificadores Comunitarios (Nachbarschaftliche Planer) in dieser Stadt bezahlen zu können.

Die Struktur, die wir aufgebaut haben, ist so etwas wie eine soziale Vormundschaft (tutoría social). Wir haben 10 Tutoren, das sind Leute mit viel Erfahrung, einem guten akademischen Hintergrund und einer langen politischen Geschichte, die Kriterien ausgearbeitet haben. Sie werden die Arbeitsgruppen für die Planung in den Parroquias koordinieren, in jedem Wahlbezirk, das sind 9. In jedem Wahlbezirk gibt es bis zu 6 Parroquias. Auf dieser Ebenen treffen sich die Tutoren einmal pro Woche mit jedem Arbeitsteam zur Koordination in der Parroquia, wo sie Kriterien ausarbeiten, wo sie mit ihren Teams der Facilitadores Comunitarios arbeiten, um die Ausbildung zu verbessern, um die Personalplanung zu begleiten, die Lösung von Konflikten unter ihnen, die Berichterstattung (seguimiento) an die Gemeinde, die Arbeitsmittel und -methoden zu verbessern und so weiter.

Und das Ziel ist, dass sie in der Lage sind eigene Projekte zu entwickeln und selber zu entscheiden?

Na klar. Alles damit sie in der Lage sind, in ihre Gemeinde zu gehen und dort Prozesse auszulösen. Wir hatten auch Leute die sagen »Ich bin Führer eines Stadtteiles» und die niemals irgend jemanden organisiert haben.

Also, wenn die Person in eine Gemeinde geht und sich dort mit den Leuten trifft, Orientierung gibt und dabei hilft Konflikte zu lösen, und in der Lage ist zuzuhören, zu tolerieren, nachzudenken und das Denken der Gemeinde zusammenzuführen, dann helfen sie kollektive Entscheidungen zu treffen und umzusetzen. Sie lehren, wie man ein Projekt vervollständigt, sie sind eine Brücke natürlich auch zu uns, zu unseren Technikern und den Finanzausschüssen. Sie orientieren über die Ausführung, die Informationserhebung, die Arbeit der Systematisierung der technischen Arbeitsplanung, Berichte vorstellen.

Es gibt also ein ganzes Netz von Facilitadores in ihrer Gemeinde und es gibt das Netz der Kooperativen, die Projekte anschieben und im Kontakt mit den Tutoren und den Gemeinde- Koordinatoren (Facilitadores) stehen. Hier werden die Projekte, die technische und finanzielle Beratung geregelt. Finanzielle Beratung, auch weil der FonDeMi (Fondo para el Desarollo Microfinanciero) ein Finanzierungsschema hat, nach dem sie mit den Kooperativen arbeiten. Sie sind diejenigen, die die Kredite fördern, sie beraten andere Leute und garantieren die Rückzahlung. Wenn sie die Zinsen zurückzahlen sind es insgesamt 12%, 7% auf Seiten der Kooperative und 5 % zahlt der FonDeMi zurück. Wir suchen also auch immer ein Finanzierungschema für die Projekte.

Ziel ist, dass die Projekte von den Gemeinden selber umgesetzt werden und das Geld innerhalb der Gemeinde bleibt?

Genau, und jetzt sind wir dabei zu planen, dass alle Consejos Comunales mindestens einen Masterplan bearbeiten.

Welche Institution entscheidet in letzter Instanz über die Freigabe der Mittel? Nehmen wir zum Beispiel einen Consejo Comunal in Nuevo Horizonte, sie machen einen Masterplan für ihre Verkehrsanbindung, wie läuft dieses Projekt?

Alle Projekte werden mit einem Kredit ausgestattet und alle, die einen Antrag stellen, werden weitergeleitet an FIDES oder LAEE. Das hängt am Innen- und Justizministerium. FIDES hängt ab vom Ministerium für Planung und Entwicklung. Das sind also diejenigen, die entscheiden. Aber es gibt natürlich ein Struktur der Projekte, bei denen wir garantieren, dass sie alle technischen Aspekte erfüllen und das präsentieren wir. Sie überprüfen, ob das Erreichte in Ordnung ist und finanzieren es dann. Es gibt einen Topf von Zuteilungen (Finanzmittel) von der Stadtverwaltung (Metropolitana) und andere werden von den Bürgermeisterämtern oder den [Landes-] Regierungen zugeteilt.

Aber zu uns: Erst 20 Prozent, jetzt 30 Prozent der gesamten Mittel von FIDES stehen für die organisierten Comunities zur Verfügung. Das bedeutet, und jetzt nehmen wir dein Beispiel, wenn die also irgendein Straßenprojekt planen und das alles gut organisieren, dann gehen wir damit zu FIDES und zum Oberbürgermeister und beantragen städtische (Finanz-)Mittel. Jede Gemeinde hat da einen Ansprechpartner, das Projekt muss die gesamte Gemeinde repräsentieren. Nach 45 Tagen kann die Comunidad Nuevo Horionte mit ihrem Projekt direkt zu FIDES gehen und sagen, wir haben seit 45 Tagen keine Antwort bekommen. Sie sind diejenigen, die danach direkt weiterverhandeln mit FIDES oder mit LAE. Und die können dort auf den Tisch hauen und sagen, wir sind die und die Gemeinde und haben seit 45 Tagen keine Antwort erhalten. Überweist uns das auf dem direkten Weg. Also, sie sind diejenigen, die die Antwort bekommen, egal ob von FIDES oder LAEE.

Das steht auf der einen Seite. Andererseits, wenn wir etwas anfassen, etwas überweisen, dann verfolgen wir damit, dass sie in der Lage sind, so etwas in Zukunft selber zu verfolgen und das wird dann auch immer der Fonds finanzieren, der für die jeweilige Gemeinde zuständig ist, also aus diesen 30 Prozent von FIDES. Dann wird das finanziert aus dem Fonds für die organisierten Gemeinden, den 30 Prozent von FIDES und die eine Stelle im Bürgermeisteramt zuteilt. Dieses Geld darf aber von dem Bürgermeister nicht verwendet werden, für eine Polizeistation oder so was.

Und ist dieser Fond unbegrenzt? Was passiert, wenn die Consejos im ganzen Land ehrgeizige Projekte entwickeln?

Es gibt einen Fondo Nacional, eine Summe, sagen wir 10 Millionen Euro. Das umschließt einen gewissen Prozentsatz für jedes Bürgermeisteramt nach dem zahlenmäßigen Bevölkerungsanteil jeder Gemeinde. Damit kann man jeder Gemeinde wissen, wieviel sie bekommt, zum Beispiel das Bürgermeisteramt von Caracas bekommt 10 Milliarden Bolívares, aber von diesen 10 Milliarden sind 30 Prozent direkt für die organisierten Gemeinden, die ihre Projekte vorschlagen. Dieser Anteil ist natürlich reserviert für Projekte, die noch nicht existieren, das ist auch ein Problem für die Planung. FIDES und LAEE haben ihre Leitlinien, nach denen sie etwas finanzieren. Und wenn das auf dieser Linie liegt, wird es finanziert. Aber so funktioniert es, über eine regionale Quote für jeden Bundesstaat und jedes Bürgermeisteramt. Wenn dieser Topf ausgeschöpft ist, kommt auch nicht mehr rein. Aber das können wir [noch] nicht ausschöpfen.

Es handelt sich dabei ja um ein Projekt die Macht zu verteilen. Wie reagieren die, denen jetzt Macht weggenommen wird?

Ja, die Macht ist eine vollständige Einheit. Wenn ich einem etwas gebe, nehme ich sie anderen weg. Natürlich ist es so, wie ich sagte, bei jedem Konflikt in den Institutionen der Macht. Hier ist die Macht bürokratisch, totalitär und konzentriert, weil der Staat so ist. Das heißt unsere Revolutionäre, die in diesen Staat eintreten, die saugt der Staat auf, der bürgerliche Staat und seine Instanzen und seine bürokratischen und autoritären Funktionsweisen.

Ein Freund von uns, ein sozialer Kämpfer, ist jetzt Abgeordneter und wir sehen ihn nicht mehr. Er hat viele Versammlungen, viel Arbeit, ist ganz wichtig. Und ein Genosse aus den sozialen Bewegungen ist jetzt Berater oder irgendwas in einem Bürgermeisteramt, den bekommen wir nicht mehr zu sehen, er hat bis in die Nacht zu arbeiten. Das ist die Dynamik. Die Struktur legt diese Dynamik auf, denn wenn du ein Amt bekommst, das viele Beziehungen erfordert und Ansprüche stellt und alles ist so gemacht, dass du alleine nicht durchkommst, wenn du kein anderes Team hast, was das dezentralisiert, merkst du, dass du nicht kannst, weil du nicht die Kapazitäten hast.

Unser Problem besteht nicht darin ein Amt auszufüllen, nicht einmal zu regieren. Unser Problem ist die Desinstruktion des bürgerlichen Staates. Und vor diesem Hintergrund sind wir dabei Netzwerke für die Arbeit in allen Bereichen aufzubauen. Und diese Netze arbeiten nicht selbstgenügsam. Die Stadtteilräte, ihr Netzwerk, die Kooperativen in ihrem Netzwerk, das ist das was wir machen. Die öffentlichen Mittel, die wir erreicht haben, stehen dafür zur Verfügung. Wir machen das mit vielen Netzwerken von Leuten, die als Freiwillige arbeiten, und versuchen, dass sie Aktivitäten entwickeln, die ihrer Situation gerecht wird. Das ist nicht einfach.

Als Präsident Chávez an die Macht kam und alle Strukturen auf ihn ausgerichtet waren, ist dieser Präsident gekommen und hat sie gegen sich selber gerichtet. Als er die Consejos Locales plante, als er die Consejos Comunales plante. Er ist dabei sich mit traditionellen Sektoren anzulegen, als er den ersten Vorschlag für das Gesetz über die Consejos Locales präsentierte und merkte, dass das wieder das Gleiche ist und nicht funktioniert. Und das hat er auch öffentlich gesagt! Den Consejos Locales stand der Bürgermeister vor, das war nicht offen. Jetzt ist es viel offener, aber das ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass die Mehrheit der anderen die Comunity ist, dass sie organisert ist. Die Stadtteilräte entsprechen absolut dem Konzept der organiserten Comunity, alle Sektoren, alle Elemente hat man da.

Unsere Leute sind daran gewöhnt, dass irgendwelche Instanzen ihre Probleme lösen. »Bürgermeister, Abgeordneter, Funktionär hilf mir!» und dann warten sie. Und dann vergeht viel Zeit und man hat ein gravierendes Problem. Dann geht man auf die Straße und es gibt Ärger. Wir sind nicht dazu erzogen, Probleme gemeinsam und organisiert selber zu lösen, etwas aufzubauen, obwohl die neuen Gesetze uns jede Möglichkeit dazu geben und wir alle Möglichkeiten zur Verfügung haben, im Rahmen dessen, was wir erreicht haben.

Als der Präsident die Consejos Comunales hochgefahren hat, gab es auch Leute, die nicht an die Consejos glaubten, die einen anderen Diskurs übernommen haben, die auch einen anderen politischen Hintergrund haben. Als der Präsident diesen Vorschlag machte, musste er ihn intern auch verteidigen. Es gab jede Menge interne Konflikte, besonders mit den Bürgermeisterämtern, die sich gefragt haben, warum jetzt die Consejos Comunales eingeführt werden, obwohl es schon die Consejos Locales gibt. Wir mussten die Leute unterstützen, weil es ihre Angelegenheit war. Und wir sind dabei ein Hilfsnetz aufzubauen, was die Entwicklung der Kapazitäten unterstützt, die Angelegenheiten der Gemeinde zu regeln.

Es ist klar: Wenn wir die Consejos Comunales aufbauen, bauen wir ein Netzwerk zur Machtverteilung. Wir sind in einer radikalen Transformation des Staates, vom autoritären, bürokratischen Staat hin zum Staat der Communities. Und was wir anstreben, die Bildung der Consejos Comunales, das erlaubt uns, dass die Leute ihren Raum für das Regieren in der Gemeinde übernehmen. Sie werden Netzwerke der Consejos Comunales aufbauen, um die Consejos Parroquiales zu konstituieren, und mit den Consejos Parroquiales werden sich Netzwerke entwickeln, um die kommunalen Regierungen aufzubauen. Die Gemeinde hat eine andere Struktur, gegenteilig zu der bisher Existierenden. Wir sind dabei eine Idee anzuschieben, gemeinsam diskutiert mit vielen Freunden, dirigentes sociales, in der Parroquia Sucre. Das ist das, was wir sozialistische Bewegung nennen: die sozialistische Gemeinde Catia.

Und die Idee, die wir damit auf den Weg bringen, ist, dass alle Consejos Comunales, die sich gerade aufbauen, in ihren Versammlungen Netze aufbauen, diese Netzwerke bilden Consejos Parroquiales und so erreichen wir eine eigene Form des Regierens - die Gemeinderegierung. Und das ist die Instanz. Der Consejo Parroquial erlaubt es, Kriterien zwischen den Consejos Comunales zu vereinheitlichen, weil die Consejos Comunales oft nur eine sehr lokale Vorstellung vom Leben und den Problemen und den Notwendigkeiten möglicher Projekte haben.

Wenn du verschiedene Gemeinden hast, dann wirst du merken, dass es nicht mehrere Probleme sind, es ist also nicht meine Gemeinde sondern unsere Gemeinde. Und das kann man lösen auf dem Niveau der Consejos Parroquiales. Aber wenn du siehst, dass das Problem des öffentlichen Nahverkehrs und des Transportes eines von vielen Parroquias ist, dann nimmst du es auch anders auf Gemeindeebene zur Kenntnis. Wir können garantieren, dass es eine nationale Vision geben wird, und eine regionale Vision und das diese regionale und nationale Vision übereinstimmen wird mit der kommunitären Vision. Die Gemeinde ist die wichtigste Einheit bei der Ausübung der Macht in einem demokratischen und partizipativen Staat.

Ist das klar, was ich erklärt habe? Wir sind in einem Raum der Macht, der Konfrontation, der politischen Auseinandersetzung. Freunde und Gegner setzen sich auseinander in dem Entscheidungsbereich. Und wir glauben, dass der richtige Entscheidungsbereich der Lebensraum der organisierten Leute sein sollte, damit sie die Möglichkeit ergreifen. Dann kommen sie dahin etwas zu übernehmen, nicht nur Probleme zu beschreiben oder feststellen, sondern tatsächlich zu sagen: Wir sind gut hier und lösen unsere Probleme selber.

Vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Gruppe Movimentor, März 2006

 

Druckversion | Download als pdf (152kb)

Creative Commons Lizenz

Dieser Text wurde unter einer Creative Commons Lizenz (by-nc-nd) veröffentlicht.