»Ein Radio von der Bevölkerung für die Bevölkerung«

Interview mit Miguel von Radio PuntoSur, Valencia (März 2006)

Miguel, seit wann existiert euer Radio und kannst du uns erklären, wie kommunitäre Radios funktionieren?

Das kommunitäre Radio Punto Sur 96.9 FM läuft hier in Valencia seit dem 13. Juli 2004. Wir sind ein Radio, das hier von der Bevölkerung gemacht wird, die die Notwendigkeit gespürt hat, sich auszudrücken, das Bedürfnis die eigenen Ansichten auszudrücken und ihre Kämpfe durch dieses Medium zu präsentieren. Das Radio gibt es nach einem Gesetz, das der Präsident der Republik - Hugo Chávez Frías - erlassen hat, das Reglamento de Radiodifusion Sonora y Televisión Abierta Comunitaria. Dieses Gesetz wurde 2001 verabschiedet. Danach kann eine Gruppe, die, so wie wir, die Notwendigkeit sieht, ihre Ansichten ausdrücken und ihre Kämpfe in die Welt kommunizieren, ein kommunitäres Radio gründen. Dieses Gesetz führte zu einer ganzen Reihe von Radiogründungen. Die ersten waren die Leute von Radio Perola (Caracas), die Leute von Radio Negro Primero (Caracas) und andere, die verstanden haben, das man auch im Bereich der Kommunikation aufwachen muss. Wir - besonders hier - haben begonnen das zu verstehen im Barrio Negro Primero, einem Stadtteil von Valencia, im Bundesstaat Carabobo.

Und kannst du uns etwas über den Stadtteil hier erzählen, in dem du lebst? Wie viele Leute leben hier? Wie sind die Lebensbedingungen und die Organisationsformen?

Das Barrio Negro Primero liegt im Süden von Valencia, das ist der deprimierendste Teil der Stadt, in der Parroquia Miguel Peña. Wir sind hier ungefähr 360 Familien. Wenn wir das mit ungefähr 5 Personen pro Haushalt multiplizieren wären wir ungefähr 1500 Personen, die hier leben.

Unter den Organisationen hier, die in einem spezifischen Augenblick in diesem Sektor entstanden sind, hatten wir zuerst, vor allen anderen, die Bodenkomitees (Comités de Tierra), mit denen der Präsident die Eigentumstitel übergeben wollte und uns aufrief, uns dafür zu organisieren. Mit dem Comités de Tierra entstand das Gesundheitskomitee, man begann die Controlaría Social aufzubauen und eben auch den Verein für die Gründung des kommunitären Radios, er nennt sich Vencedores del Sur. So hat man dann auch eine Kulturgruppe gegründet, deren Arbeit auch hier in das Programm einfließt. Wir haben hier mit den Komitees für Gesundheit und Komitees für Boden eine Volkszählung organisiert, dabei hat uns auch das Programm Barrio Adentro sehr geholfen. Also herauszufinden, wie viele Kinder und Erwachsene gibt es hier, wie viele davon sind unterernährt. Seitdem haben wir eine Statistik, ein genaueres demografisches Wissen über unseren Stadtteil und das können wir natürlich nutzen, um hier Aktivitäten zu entwickeln. Im Zusammenhang damit hat sich hier auch ein Studien(Lese-)Zirkel aufgebaut und die Gruppen für den Wahlkampf, die hier in der Community arbeiten.

Und welche Funktion hat jetzt das Radio hier für den Stadtteil und wie funktioniert es in technischer Hinsicht, also was ist die Abdeckung? Und hören die Leute das Radio?

In unserem Fall kann man wirklich sagen, dass dies ein Radio von der Bevölkerung für die Bevölkerung ist. Wir haben hier einen Casero-Sender, dieser Sender hat ungefähr eine Reichweite von 2 Kilometern. Das reicht aus, um zwei bis drei Barrios zu erreichen. Innerhalb unseres Barrios hat das Radio eine sehr spezifische Funktion, es dient dem Austausch zwischen den unterschiedlichen sozialen Bewegungen. Das Radio organisiert, mobilisiert und es bildet, unterrichtet und erzieht die Leute, die es hören, die hier in der Gegend wohnen. Es ist klar der Bevölkerung und ihren Kämpfen verpflichtet. Und wenn wir über Organisation reden, reden wir auch über Verteidigung, über die Verteidigung unserer Interessen, unserer Kämpfe, auch unserer Klassenkämpfe. Das sind die spezifischen Aufgaben: Erziehen, Organisieren, Verteidigen. Das sind die Aufgaben eines kommunitären Radios in Aktion. Es ist natürlich sehr klein im Vergleich mit den privaten Radios und denen der Transnationalen, die hier in Venezuela existieren.

Du sagst, eine Aufgabe ist die Verteidigung eurer Interessen. Wie sieht das im alltäglichen Programm des Radios aus?

Gut, wir haben hier in Venezuela eine Übergangsphase. Der Präsident hat ein paar politische Linien vorgegeben - demokratische Linien, Linien in der Verpflichtung dem Volke gegenüber. Die Struktur des Staates entwickelt oftmals ein Eigenleben, wo es noch berechnende Elemente gibt, Elemente die, wie wir sagen, aus der Vierten Republik kommen, aus der alten Form von Staatlichkeit - korrupt, kriminell, rassistisch. Deshalb setzen wir uns mit diesen alten Eliten auseinander, denn die meisten Projekte, die der Präsident angeschoben hat, muss die Community erst durchsetzen - gegen die alten Strukturen.

Hier senden zum Beispiel jeden Tag Leute, die sich an die Comités de Tierra wenden und die die Legalisierung ihrer Böden fordern. Wir haben Leute aus den Comités de Salud, die ein Impfprogramm aufbauen. Aber wir senden auch die Leute von der Controlaría Social, wenn sie berichten, dass die Volksküchen oder andere Programme falsch umgesetzt werden, dass sie verändert und manipuliert werden. Also dies ist die Plattform der Kämpfe und das geht weiter, um die Interessen der Bevölkerung zu verteidigen und die politischen Linien verteidigen zu können, die ja auch von uns selber kommen.

Ende des Monats findet eine Nationale Versammlung aller kommunitären Medien statt, hier in Valencia. Kennst du schon das Programm, was werden die wichtigsten Themen an diesem Wochenende? Und wieviele Projekte werden kommen?

Das fünfte nationale Treffen von ANMCLA (Asociación Nacional de Medios Comunitarios Libres y Alternativos) wird am 31. März 2006 hier stattfinden. Bei dieser Versammlung werden sich ungefähr 200 Radios aus unterschiedlichen Ecken des Landes treffen. Es wird ein Programm zur Systematisierung geben, wir werden eine neue kommunikative Realität diskutieren. Das werden wir aus technischer und philosophischer Perspektive vorbereiten, aus Sicht der Umsetzbarkeit einer neuen Informationspolitik.

Wir werden zum Beispiel über Kooperativen reden, die Sender herstellen. Auch um den Technizismus zu entmystifizieren, den die Bürokraten haben. Demgegenüber werden wir unser Technikverständnis entwickeln, die Entzauberung von dem, was ein Sender ist, damit wirklich alle sowas benutzen und sich ausdrücken können. Dafür wird es einen Arbeitsbereich geben, einen Runden Tisch aller Kämpfe, wo die Bewegung der Indígenas anwesend sein wird und die Arbeiterbewegung und die sozialen Aktivisten aus den Stadtteilen - alle unsere Kämpfe, um zu sehen, wie wir sie mit Radiotechnik unterstützen können. Ein anderes großes Thema wird eine gemeinsame Schule für die Medienausbildung, wo die Sprecher und Aktivisten aus den sozialen Bewegungen ausgebildet werden. Wir entwickeln hier ein neues Modell, einen neuen Menschen, wenn sich eine neue Kommunikation entwickelt, die tatsächlich sozial ist.

Es wird Arbeitstische für eine Phonothek und eine Videothek geben, einen Austausch über unsere Kultur, unsere Technik, alle diese Sachen, die wir brauchen, um ein wirklich fortschrittliches und kommunitäres Radio zu sein - auf nationaler Ebene. Wir als Radio Punto Sur haben übrigens die Verantwortung für die kulturelle Gestaltung des Wochenendes, auch ein sehr wichtiger Teil dieses Treffens.

Du sagtest, dass es auch Diskussionen darüber gibt, welche Rolle die Alternativmedien für die militärische Verteidigung haben können, beispielsweise im Falle einer Invasion.

Bei allen Erklärungen, die Vertreter des Pentagon und der Vereinigten Staaten abgegeben haben und auch ihrer ganzen Haltung, also dem Verhalten von Bush, müssen wir zu der Einschätzung kommen, dass ein Einmarsch eventuell möglich ist. Wir müssen einfach sehen, dass wir ein Ölstaat sind und riesige Ressourcen haben. Wenn wir uns das ganze Feld ansehen, auf dem wir tätig sind: die stärkste Kraft, die die Vereingten Staaten hier in Venezuela haben ist die Medienmacht. Wir müssen sehen, dass es den Staatsstreich vom 11. April 2002 gab. Es war ein medialer Staatsstreich, als sie irgendwelche Leute für tot erklärt haben.

Eine der wichtigsten Fronten dieser Auseinadersetzung hat kommunikativen Charakter. Wir - innerhalb der Community, innerhalb dieses Landes - sehen, dass im Falle einer Invasion zuerst die nationalen Medien angegriffen werden. So wie sie Al Jazeera in Afghanistan und im Irak bombardiert haben. Da diskutieren wir den Bedarf, den es in so einem Falle gibt, wenn diese verbrecherische Regierung der Vereinigten Staaten uns angreift - die Regierung von George Bush und nicht die amerikanische Bevölkerung wohlgemerkt.

Angesichts dieser Befürchtung wird es am Wochenende einen Arbeitsbereich geben, wo wir überlegen, uns in regionalen Milizen zu organisieren und so etwas wie eine Kommunikationsfront aufzubauen, die die Aufgabe hat, die gesamte Bevölkerung zu informieren - im Falle einer medialen Belagerung wie es sie in den letzten Kriegen immer gegeben hat. Damit die gesamte Bevölkerung informiert und organisiert ist, sollte dieses Szenario wirklich eintreten. Dieser Krieg würde ein Guerillakrieg werden, also einen vollständig subversiven Charakter haben, wenn wir uns die Überlegenheit ansehen, den die nordamerikanischen Streitkräfte gegenüber allen Armeen der Welt hat.

Vielen Dank für das Interview.

Interview: Gruppe Movimentor, März 2006

 

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