»Mit der Besetzung haben wir der Stadt einen Gefallen getan«

Wir besuchten das das 2004 entstandene Künstlerkollektiv Frente Revolucionario Artístico Patria o Muerte (FRAPOM) in Valencia. Die KünstlerInnen hatten ein altes Kino in der Stadt besetzt um einen Raum zum Arbeiten, Proben und Ausstellen zur Verfügung zu haben. (März 2006)

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Zu beginn stellt bitte euch und euer Projekt vor.

Joan: Ich heiße Joan Hernández und Mitglied von FRAPOM. Wir sind eine Gruppe, die zum revolutionären Prozess, der sich in ganz Lateinamerika entwickelt und uns alle betrifft, beitragen will. Jetzt geht es um die Rettung unserer (kulturellen) Identität, was wir selbst sind und dies mit Stolz, Würde und Moral darzustellen. Was FRAPOM erreichen will, ist den Künstlern ihre Würde zurückzugeben. Wir erhielten keine soziale Unterstützung, der gesamte Kulturraum wurde von der Oligarchie bestimmt. Es fehlt an Räumen zum Proben und Ausstellen. Da kam uns die Idee der Besetzung des Kinos »Imperial«. Neben der physischen Eroberung des Raums wollen wir eine neue Ästhetik und Einstellung des Künstlers zum Sozialen formen. Und vor allem zum revolutionären Prozess beizutragen, da er, und darüber sind wir uns absolut klar, einen kulturellen Charakter hat. Weil er nach der Konstruktion des neuen Menschen, des neuen Bürgers in Venezuela, Lateinamerika und für die Menschheit sucht.

Vielsi: Ich bin Vielsi Arias und bin erst seit kurzem bei FRAPOM. Warum wir heute hier sind, dafür gibt es viele Gründe. In unserer Stadt existiert, wie in vielen Städten, eine Art Doppelmoral. Während sich gerade die offiziellen Kulturinstitutionen die Bewahrung des kulturellen Erbes und der Erinnerung auf die Fahnen geschrieben haben, tragen sie selbst zum Verfall des kulturellen Erbes bei und propagieren geradezu das Vergessen der kulturellen Werte. Und genau da will FRAPOM einschreiten, sich genau hier öffentlichen Raum zurück erkämpfen, um der populären und volksnahen Kultur ihre Würde zurückzugeben und den öffentlichen Raum zurückerobern.

Zu dieser Gemeinde gehören ungefähr 10 Stadtteile. Der Ortsteil in dem wir uns heute befinden, das Barrio de la Guacamaya, hat ca. 6.000 Einwohner. Daneben befindet sich ein weiterer Ortsteil mit 5.000 Einwohnern, dahinter kommt die Innenstadt mit dem historischen Stadtkern. Praktisch wohnt die Mehrheit der Menschen aus Carabobo im Westen. Im Zentrum der Stadt sind die meisten Geschäfte angesiedelt, hier gibt es kein Leben sondern nur Konsum und Geschäftemachen. Diese Geschäfte umfassen alle Arten von Geschäften - legale und illegale. Ihr seht schon, diese Gemeinde ist ganz schön groß, aber sie ist sehr vernachlässigt, kulturell verarmt.

Dieser Ort, wo wir uns befinden, war einmal das beliebte und viel frequentierte Kino »Imperial«. Die großen Kinoketten, die das Monopol innehaben, haben sich zusammengetan und die kleinen Kinos in den Bankrott getrieben. Darum gehen die Leute heute in die Großkinos, in die Einkaufzentren (Shopping Malls) anstatt in die kleinen Kinos. Sie haben die kleinen lokalen Kinos und deren Wichtigkeit für die lokale Identität und Infrastruktur vergessen. Und unsere Intention ist es, die lokalen Möglichkeiten wieder zu aktivieren, uns selbst in unserer direkten Umgebung wiederzufinden und sichtbar zu machen.

Humberto: Als Dienstleister der Allgemeinheit hat ein Künstler wie jeder Arbeiter Anspruch auf soziale Absicherung. Viele der Künstler aus Carabobo sind von den nationalen Kulturinstitutionen vernachlässigt worden. Wir haben uns dann entschieden uns zu organisieren, uns auszutauschen und unsere Ideen weiter auszubauen. FRAPOM will dazu beitragen die bürgerlichen Strukturen, die das kulturelle Leben auf nationalem Niveau bestimmt, zu verändern. Wir arbeiten mit neuen Thesen daran, aus der Künstlerbewegung eine aufständische Kunst zu entwickeln. Künstler sollen für uns der Allgemeinheit dienen und nicht der Kunst an sich. Wir glauben, dass die Künstler großen Einfluss auf den revolutionären Prozess ausüben und wir streiten für eine Kunst, die auf die Menschen im Stadtteil ausgerichtet ist.

Wie sehen eure Aktionen aus, was läuft hier im Haus an Aktivitäten?

Joan: Ja also zum Beispiel haben wir jeden Samstag Aktionen auf dem Plaza Bolívar, wo wir unser künstlerischen Aktivitäten entfalten. Der Ort für widerständige Kunst ist der öffentliche Raum. Der neue oder revolutionäre Künstler muss widerständig und politisch sein. Seine politischen Ideen vermitteln, seine Kunst transformieren, so dass sie dem Volk nützt. Die Kunst muss eine Aussage haben und zwar so, dass sie Leben gibt und dazu führt ein Problem zu lösen. So sprechen wir in unseren Stücken reelle Probleme an wie beispielsweise ungewollte Schwangerschaft. All die Probleme, die auf der Straße sichtbar sind. Die Kunst muss über die sozialen Realitäten sprechen. Es muss eine revolutionäre Ästhetik dafür gefunden werden, die wir durch unsere Stücke suchen und genaue die Art der Vermittlung diskutieren wir Montags auf den Vollversammlungen.

Humberto: Wie ihr hier am Kalender seht, ist er voll. Jeden Tag treffen sich hier unterschiedliche Gruppen und planen ihre Aktivitäten. Montags zum Beispiel haben wir Vollversammlung, hier treffen sich alle Gruppen die den Raum hier nutzen. Da diskutieren wir alle Fragen, die politischen Fragen, die unser Bündnis betreffen. Hier haben wir den Austausch, gehen in die Tiefe, ja vielleicht ist das das Skelett von FRAPOM.

Joan: Und das außergewöhnliche ist, dass obwohl die Mitglieder von FRAPOM sehr viel zu tun haben - sie sind Lehrer, Studenten, Arbeiter und müssen sich also ihren Lebensunterhalte in anderen Sparten verdienen - jeden Montag zusammenkommen. Wir arbeiten alle nachts oder schon früh morgens. Alle müssen die Zeit für FRAPOM zusammenkratzen, aber trotzdem sind alle bei den Diskussionen da, denken sich Strategien aus, konfrontieren sich mit neuen Ideen und diskutieren über Sinn und Zweck. Das ist nicht nur charakteristisch, sondern jeder leistet einen außergewöhnlichen Beitrag. Vor allem menschlich, denn wir nehmen uns Zeit wo eigentlich keine ist.

Erzählt mal über die Besetzung des Kinos und wie die Leute darauf reagiert haben.

Joan: Ursprünglich kam die Idee von einem Compañero, der wusste, dass das Gebäude leer stand und wir dringend einen Raum benötigten. Aus juristischer Sicht war es wohl widerrechtliches Eindringen in das Gebäude. Für uns war es eine kulturelle Besetzung, weil wir glauben, dass der Raum den Menschen gehört. Am Tag der Besetzung war alles fast perfekt. Wir öffneten die Tür und als wir drinnen waren, war das ein Schock: überall Müll und Spinnweben, alles war zerfallen. Und dann kam natürlich die Polizei. Wir sprachen mit ihnen von innen aus dem Haus heraus. Sie verhielten sich uns gegenüber korrekt, sie haben die Stadtverwaltung informiert und waren dann beruhigt. Wir konnten bleiben.

Ich glaube, wir haben der Stadt einen Gefallen getan, denn wenn ein revolutionäre Gruppe einer in Anführungszeichen »revolutionären« Stadtverwaltung zeigt, was sie wünscht, dass ein Gelände gekauft wird, nehmen wir es so ja vom kapitalistischen Markt. Der Kapitalist wird Einwände bringen, jedoch ist klar, dass das Gebäude leer stand. Wer sollte es schon kaufen wollen? Der Kaufpreis liegt, glaube ich, bei 600.000 Bolívares. Klar, man braucht noch einige Tausende mehr um das Gebäude wieder aufzubauen. Bisher gibt es eine Art Übereinkunft zwischen uns und der Stadtverwaltung, dass sie das Gebäude kaufen wird. Dazu werden noch einige Mittel nötig werden, bisher waren es mehr Bekundungen als konkrete Schritte.

Carina: Nicht nur kulturell, sondern auch sozial ist die Besetzung von Bedeutung. Wir sind in einer ziemlich vernachlässigten Gegend wo es viel Kriminalität und Drogen gibt. Wir sind nicht nur Musiker, Theaterleute oder Lehrerinnen, sondern auch Teil von politischen Organisationen. Wir arbeiten mit politischen Gruppen wie Utopía oder der Koordination Simón Bolívar zusammen, um auf die eine oder andere Art soziale Probleme, die es hier gibt, zu überwinden helfen.

Eine schöne Erfahrung war, als wir um 8 Uhr morgens das alte Kino hier besetzt haben, da hat das gesamte Kollektiv von FRAPOM mitgemacht. Es gab eine Gruppe, die in das Gebäude ging, und eine andere Gruppe, die draußen blieb, um Unterschriften zu sammeln. Ich bin über den Platz gegangen und habe alle Leute angesprochen. Da war eine Gruppe alter Leute, die sehr bewegt und glücklich waren. Sie erklärten mir, dass sie die Aktion unterstützten und hoffen, dass wir etwas Gutes aus dem Kino machen würden. Schließlich stünde es schon lange Jahre leer und meist würden sich da zwielichtige Gestalten herumtreiben und Drogen verkaufen. »Tut etwas Gutes, organisiert euch«, sagten sie, »und denkt bei euren Aktionen auch an uns alte Menschen«. Ja, die Alten waren gleich Feuer und Flamme. Das ist für mich Ausdruck der Suche, die man heute bei vielen Menschen findet, der Suche nach der Basis oder dem Volk. Der Begriff Volk wird vor allem in politischen Reden und von allen Strömungen verwandt und noch öfter missbraucht. Aber im Kern, denke ich, dass wir ohne die Basis gar nichts wären.

Joan: Die Kulturpolitik dieser Regierung ist nur auf Events aus, d. h. sie sind groß darin Feste auszurichten, KünstlerInnen aus aller Welt einzuladen und viel Geld für Großanlagen und für ihre Musikkonzerte auszugeben. Dieses Geld geht natürlich auch nur an bestimmte Firmen der Oligarchie. Deren Kultur ist eine Beschaffungspolitik, weil sie nur am Geld interessiert sind und natürlich an Verbindungen mit der Elite. Wir wollen nicht in der archaischen Rolle der Künstler verharren, die nur in einigen Nischen zur Unterhaltung der Menschen beitragen. So lange das passiert, werden wir weiter nur verarscht. Ich glaube, das hat sich jetzt geändert, heute sind wir nicht nur Etiketten und Aushängeschilder der Kunst, sondern sind aktiv beteiligt an den Entwicklungen in der Kultur. Der Künstler nimmt nun eine aktive, erzieherische Rolle ein und kann zur Entwicklung des Volkes beitragen.

Was denkt ihr wo ihr und FRAPOM in anderthalb Jahren seid?

Joan: FRAPOM ist wirklich super viel Arbeit und in anderthalb Jahren sollte sich FRAPOM auf alle verschiedenen kulturellen Sektoren und auch politisch ausgeweitete haben. Ich will nicht so groß tönen, für mich ist FRAPOM ein Mittel, um weiter zu kommen und sich politisch weiterzuentwickeln.

Vielsi: Valencia ist eine konservative Stadt, hier gelten immer noch Familie und Name. Und darum ist es gerade hier wichtig, dass die neuen Generationen sich ihren Raum erkämpfen. Und darum ist für mich FRAPOM ein Beispiel für den Kampf um Würde - obwohl es viele Fehler hat und es auch Streit gibt. FRAPOM ist in der Basisbewegung entstanden, fühlt sich ihr zugehörig und genau darum kann man FRAPOM nicht auf Großleinwänden im Kino oder im Fernsehen sehen. Von hier aus anderthalb Jahre in die Zukunft gesehen, glaube ich eine starke sozio- kulturelle Bewegung auszumachen, die wichtig ist. Ein soziales Netzwerk, vor allem hier im Bundesstaat soll entstehen. FRAPOM soll Kontakte knüpfen und Verbindungen zwischen kulturellen Codes und unterschiedlichen Organisationen herstellen.

Carina: Also für mich bedeutet FRAPOM Träume, Leben und Einheit von vielen Menschen, die viel arbeiten. Es bedeutete Liebe und Einsatz, weil es hier viele Leute gibt, die sich einsetzen und daran glauben, was sie denken und tun. Ich glaube in einem Jahr werden wir immer noch da sein, wo wir gerade stehen. Viele junge Leute mit viel Kraft und Lust das Haus rocken zu lassen. Wir werden viel Macht haben, aber nur weil wir mit der Basis zusammenarbeiten und uns gemeinsam mit dieser schönen Stadt organisieren, in der wir Unterstützung erhalten und das wird uns Kraft geben. Schau mal, nach kaum drei Monaten haben wir schon Aktionen in anderen Städten gemacht und mit diesem Interview reist FRAPOM sogar nach Deutschland. Ich bin sehr zuversichtlich und kann mir viele Sachen vorstellen.

Interview: Gruppe Movimentor, März 2006

 

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